Wurzeln und Flügel – Von Bindung und Loslassen

Mit dem Loslassen ist es nicht immer so leicht. Hier liest und hört man in letzter Zeit immer wieder von Helikopter-Eltern.  Diese Bilder finde ich erschreckend. So möchte ich nicht mit meinen Kindern umgehen.

Ein Sprichwort sagt: Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.

Wie ein Baum, der sein Astwerk auch nur entfalten und verzweigen kann, wenn er starke Wurzeln hat, so braucht auch ein Kind starke Wurzeln, damit es sich entfalten kann. Diese Wurzeln sind die Bindung, zunächst zu den Eltern, dann aber auch zu anderen Bezugspersonen. Wie wichtig eine sichere Bindung ist, ist unbestritten. Die Elternzeitschriften sind voll davon und auch bei den meisten Eltern hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Bindung die Basis für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung darstellt.

Aber wie ist es mit den Flügeln bzw. den Ästen? Wenn diese sich entfalten, lassen wir sie das tun? Oder versuchen wir, sie zu stutzen, kurz zu halten, in Form zu bringen?

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Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mein Baby das erste Mal allein bei der Tagesmutter gelassen habe. Nicht, dass ich der Frau nicht vertraut hätte, aber es ist mir schwer gefallen. Es war ein Stück Abnabelung. Und wir haben es beide geschafft.

Oder als mein großer Sohn in den Kindergarten gekommen ist. Ich war diejenige, die traurig war. Er ist selbstbewusst in den Gruppenraum geschritten und hat sich dort auf Anhieb zuhause gefühlt.

Später, als mein Großer zum ersten Mal alleine zur Musikstunde gegangen ist, weil ihn niemand bringen konnte (wir haben beide gearbeitet). Ich habe auf dem Weg zur Musikschule die ganze Zeit nach meinem toten Kind im Straßengraben Ausschau gehalten. Und mein Sohn war stolz wie Oskar, dass er es ganz allein geschafft hat.

Was ich damit sagen will? Oft fällt uns Eltern das Loslassen schwerer als den Kindern. Sie wollen ihre Flügel nicht nur ausbreiten sondern auch fliegen. Und wir haben oft Angst davor, sie gehen zu lassen. Aber wenn wir es schaffen, diese Angst für uns zu behalten und die Kinder dennoch fliegen lassen, dann können wir entdecken, wie glücklich und stolz sie sind, etwas alleine geschafft zu haben. Sie freuen sich über unser Vertrauen in ihre Fähigkeiten.

Und vor allem: Sie kehren gerne zu uns zurück.

Familien-Freitag: gemeinsam Schlafen

Das gemeinsame Schlafen im Familienbett ist für mich einer der wichtigsten Stützen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denn dank des gemeinsamen Schlafens  bekomme ich genug Schlaf und bin so zumindest halbwegs einsatzfähig. Dies wird auch durch Studien gestützt, wie man in diesem Artikel nachlesen kann.

Unser Baby hat von Anfang an mit uns in einem Bett geschlafen. So konnte ich nachts im Halbschlaf stillen und einfach weiter schlafen. Heute ist das „Baby“ fast fünf und schläft mittlerweile in seinem eigenen Zimmer ein. Aber er kommt immer noch jede Nacht zu uns, kuschelt sich an und verbringt den Rest der Nacht im gemeinsamen Bett. Und ich merke oft gar nicht, wann er kommt.

Wenn ich mir überlege, ich müsste jede Nacht (vielleicht sogar mehrmals) aufstehen, um ein weinendes Baby zu versorgen oder Geister im Zimmer eines Kindergartenkindes zu vertreiben, dann macht mich allein der Gedanke daran schon müde. Übrigens: Menschen, die das Bett teilen, gleichen ihre Schlafzyklen aneinander an. Im Klartext: Mutter und Kind wachen häufig parallel auf, keiner reißt den anderen aus dem Tiefschlaf. Wobei das nur klappt, wenn das gemeinsame Schlafen über mehr als nur ein oder zwei Tage probiert wird. Wie alles im Familienalltag, ist auch das gemeinsame Schlafen eine Gewöhnung und eine gute Übung, die Bedürfnisse jedes einzelnen Familienmitglieds zu beobachten.

Für Väter ist das gemeinsame Schlafen oft die einzige Möglichkeit, mehrere Stunden am Stück mit dem Kind in intensivem Körperkontakt zu verbringen. Wer tagsüber für viele Stunden außer Haus ist, kann sich nachts ein paar Kuscheleinheiten zusätzlich abholen. Auch beliebt: Das Sonntagsnachmittagsschläfchen von Vater und Kind. Nächtliches gemeinsames Schlafen hat allerdings eine andere Qualität – probiert es mal aus!

Mama, warum musst du zu deinem blöden Job?

Nach den Ferien ist alles neu. Als würde mein Kind nicht schon seit nun 4 Jahren in der Kita betreut – sie hinterfragt nach 3 Wochen Ferien die Notwendigkeit der außerhäusigen Betreuung. Als ob es was ganz neues wäre. Wie jedes Jahr. Wie nach allen Ferien.

Also stellt sich morgens um 07:30 Uhr die gefürchtete Frage: „Mama, warum musst du zu deinem blöden Job?“ und meint: Warum muss ich dafür in den Kindergarten?

Ja, warum eigentlich?

Weil mein Job nicht blöd ist und ich ihn gern mache;

Weil der Job vom Gatten und mir uns das Geld für Essen, das Dach überm Kopf und eine Menge „Luxus“ bietet (und auf nichts davon will ich verzichten!!);

Weil nicht-arbeiten mal so richtig blöd wäre;

Weil ich nach 3 Wochen Doppel-Kleinkind-Feiertags“ferien“ wirklich kaputt und am Ende bin – und mich nach meiner Arbeit sehne! Und dem stillen Büro. Und dem selbstbestimmten Arbeitsrhythmus ohne „Mama, kannst du mal….?!“ Fragen.

Und was sage ich dem Kind (5.J.)? 

Mäuschen, ich will arbeiten. Wir brauchen das Geld um Essen zu kaufen und unser Leben zu bezahlen. Ohne geht es nicht, also gehe ich arbeiten – und du in den Kindergarten.

Diskussion beendet. Nach 20 Wiederholungen. Puh. Bis zu den Osterferien dann!

Es braucht ein Dorf

In einem Zeitungsartikel  las ich vor kurzem folgende Aussage eines französischen Kinderarztes auf die Frage, warum Französinnen so viele Kinder bekommen: „Sie bekommen so viele Kinder, gerade weil sie sich nicht um sie kümmern müssen!“ 

Diese Aussage klingt gerade im Zusammenhang dieses Artikels sehr böse. Aber losgelöst davon, steckt ein Funken Wahrheit darin. Denn französische Mütter müssen sich nicht alleine kümmern, wie es hier in Deutschland oft der Fall ist. Sie haben Unterstützung von Kindermädchen, KrippenerzieherInnen und der Ganztagsschule. Es bleibt nicht alles an der Kleinfamilie hängen.

Nun kann man sagen, das französische System sei auch nicht optimal. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es einfacher ist, das Leben mit Kind(ern) zu meistern, wenn man es nicht alleine tun muss.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen.

Früher gab es diese Dorf noch. Die Großfamilie, aber auch Freunde und Nachbarn kümmerten sich selbstverständlich mit um die Kinder. Die Kernfamilie war in ein Netz vielfältiger Beziehungen eingebunden. So wuchsen auch die Kinder ganz natürlich in dieses Beziehungsnetz hinein, mit vielfältigen Beziehungen und mehreren Bezugspersonen.

Heute sieht das oft anders aus. Die Großfamilie gibt es fast nicht mehr (ich kenne außer mir wenige Menschen, die drei Geschwister haben) und oft leben wir weit weg von den anderen Familienmitgliedern. Gerade in der Großstadt sind auch die Beziehungen zu den Nachbarn meist nicht so eng.

Da gilt es, sich ein eigenes Dorf zu schaffen. Freundschaften sind da eine gute Basis, aber zum modernen Dorf gehören auch Kinderbetreuungseinrichtungen. Die Tagesmutter gehört genauso zu unserem Netzwerk wie der Babysitter, die Erzieherin im Kindergarten so wie auch unsere Freunde und meine Eltern.

„Ein eigenes Dorf schaffen“ bedeutet aber auch, dass ich bereit sein muss, neue Beziehungen aufzubauen mit den Menschen, die Teil meines Dorfes werden sollen. Und es bedeutet, Menschen, die mir zunächst fremd sind, aber zunehmend vertraut werden einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Das ist natürlich schwieriger, als auf ein über Generationen gewachsenes Netzwerk zurückgreifen zu können.

Es hat aber auch den Vorteil, dass ich mir die Bewohner meines Dorfes selber aussuchen kann. Mit so einem selbst gegründeten Dorf stehe ich nicht mehr alleine vor der Herausforderung, das Familienleben zu meistern. Ein tragfähiges Netz gibt meiner Familie Halt und mir Entlastung. Da lohnt sich die Investition in den Aufbau dieses Dorfes.

Ich könnt dich gerade … wenn die Sicherung durchbrennt

Der Tag begann eigentlich am Abend vorher: zu spät heim gekommen. Weder Abwasch noch Wäsche wie durch Zauberhand erledigt – sondern immer noch in der Warteschleife. Plus das Gepäck und die Wäsche nach einem Familienwochenende samt vereinsinterner Fortbildung. Nach dem anstrengenden (schönen) Wochenende dann Montag morgen, Alltag. Unordnung überall, Kinder müde und wenig kooperationsbereit. Weniger als 6 Stunden Schlaf habe ich auch schon mal besser vertragen, der Gatte auch.

Druck erzeugt Gegendruck erzeugt Frust erzeugt Druck. Soll ich noch erwähnen, dass neben Vereinsaufgaben auch der normale berufliche Alltag laut pochend auf dem Plan steht?

Mit mehr Druck als gut war, das größere Kind zum Anziehen überredet. Dabei „Ich höre nicht auf dich, nur auf Papa!“ zu hören bekommen. Zwei Minuten später wollte besagtes Kind vorgelesen bekommen. Ihr wisst schon: Druck, Gegendruck, Frust….. ich verweigerte die Vorleseleistung. Pochte auf frische Kleidung, gekämmte Haare, angezogene Schuhe, pünktliches Eintreffen im Kindergarten. Verzweiflung beim größeren Kind. Der Papa konnte retten. Und fuhr mit Tochterkind beinahe pünktlich in Richtung Kindergarten.

Moment, hier sind morgens ja zwei Kinder zu versorgen. Der Kleinste spielte seelenruhig mit liegen gebliebenem Kram auf dem Boden. Anziehen? Zur Krippe laufen? Pünktlich ankommen? Interessiert ihn – nicht. Natürlich nicht. Druck erzeugt Gegendruck erzeugt Frust … der Jüngste ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Bitten, betteln, die verhasste Erpressung – kein Erfolg. Die Nerven nur Schall und Rauch. Plötzlich öffnet sich mein Mund und spuckt ein „Muss ich dich holen kommen?! Das muss hier morgens funktionieren! Spielen kannst du später“ aus. Ihh. Tatsächlich half in dem Moment nur Kind greifen – auf die Couch packen samt Festhalten – blitzschnell anziehen.

In AP-Kreisen ein Nogo. Gewalt am Kind. Und schon beim Umsetzen blitzen die ersten Gewissensbisse. Hätte ich nicht doch mehr Geduld aufbringen müssen…?! Mit Blick auf die Uhr: Nein, Geduld ist aus. Dafür verlassen mich klare, feste Ansagen. Der jüngste hat das mit Druck, Gegendruck und Frust wohl besser verstanden – denn plötzlich läuft alles wie am Schnürchen.  Jacke, Mütze, Schuhe, Kuscheltier, Auto, anschnallen, Krippe – tschüss sagen und in den Gruppenraum laufen. Ganz verblüfft stehe ich kurz nach halb neun im Kindergarten: Kinder pünktlich abgeliefert. Zurück zum Schreibtisch und ran an die Aufgaben.

Und mein schlechtes Gewissen?

Ist zu Recht da.

Gewalt am Kind hat viele Formen. Respektvolles Miteinander und vertrauenswürdige Beziehungen vertragen sich nur schlecht mit zwangsweisem Anziehen, Festhalten oder rüdem Zurechtweisen.

Die Einschränkung bleibt: Ich darf auch mal explodieren, laut werden, blöde Sachen sagen. Auch gute Normale Mütter haben schlechte Tage. Und an schlechten Tagen rutschen uns Sachen durch, die wir sonst vermeiden. Wie festhalten, respektloses Zeugs sagen, laut werden, erpressen, bestrafen. Wichtig – für mich, gegen mein schlechtes Gewissen – ist es, meinen Kindern klar zu machen, dass ich doch ab und an Druck habe – und nicht dagegen ankomme. Es besser weiß – und doch falsch mache. Mich entschuldige, wenn ich wieder durchatmen kann.

Und beim nächsten Mal …

… prüfe ich, ob ich nicht gleich den Montag nach einem vollen Wochenende frei nehme. Damit wir alle daheim ankommen, Unordnung und Wäsche beseitigt werden. Damit wir entspannt in die Woche starten – am Dienstag.

… greife ich auf meinen Beitrag zum Unwort: Müssen zurück. Und überlege, ob ich wirklich *muss*.

… hole ich mir Unterstützung.

Oder komme auch einfach zu spät.

Kinder sind (keine) Privatsache!

„Kinder sind Privatsache“ sprach eine kinderlose Kollegin neulich zu einer mit mehreren Kindern ausgestatteten Kollegin. Und natürlich könne ein Unternehmen nicht für jede(n) Angestellte(n) Sonderwünsche umsetzen, nur weil halt Kinder da wären, sprach die kinderlose Kollegin weiter.

Das sorgte für Zündstoff, in einer Facebookgruppe und auch bei mir daheim. Gepflegte Diskussion am Küchentisch: Sind Kinder denn wirklich Privatsache? Haben Wirtschaft und Staat „nichts zu melden“ beim Thema Kind?

Disclaimer: Beim schreiben merke ich selbst, wie weitläufig das Thema ist. Verzeiht mir eine gewisse Oberflächlichkeit. Nehmt es als Denkanstoß. Je nachdem, in welche Richtung ihr bei den verschiedenen Reizthemen Gesundheit, Bildung und Co. tendiert, kommt es euch phasenweise womöglich polemisch vor.

Privatsache Familie 

„Kinder gelten als Privatsache, die für sie getätigten Ausgaben als Konsum“ (F.-X. Kaufmann)

Ein schönes Zitat, oder? Aber wahr!

Gucken wir doch mal, wo Kinder denn wirklich Privatsache sind:

Thema Geburt: Die Bemühungen der Politik laufen, dass die Wahl des Geburtsortes in naher Zukunft sehr  beschränkt sein wird. Es läuft auf eine Zentralisierung möglicher Geburtsorte hinaus – eine wirtschaftliche Zentralisierung auf Krankenhäuser. Inklusiver intensiver Überwachung, Regulation, Kostenoptimierung. Wer hier noch nichts mitbekommen hat, kann mal beim Hebammenprotest hineinschauen.

Wer den Papierkrieg rund um Schwangerschaft und Geburt noch nicht mitbekommen hat: Das ist ordentlich. Der neue Erdenbürger wird erfasst, gemessen, gewogen, eingetragen und benannt. Es gilt Fristen einzuhalten, sonst wird alles komplizierter. Das hat auch alles seine Richtigkeit. Dafür bekommen die Eltern auch Geld: Kindergeld, Kinderzuschlag, Elterngeld, vielleicht noch Harzt4 oder Wohngeldzuschlag. Ohne vorherige korrekte Erfassung des Babys keine Anträge, kein Geld. Das ist in Ordnung so – aber die Meldepflicht lässt sowieso keinen Spielraum für „Privatsache“ zu.

Thema Ernährung: Staatlich gesehen genießen das Stillen und die Muttermilchernährung den Schutz des Gesetzes in Deutschland. Weltweit zählt das Recht auf Muttermilch zu den (inoffiziellen) Menschenrechten. Kein Wunder, denn für Babys ist die Milch seiner Mutter die normale, artgerechte Ernährung. Hübsch verpackt, perfekt temperiert, immer dabei, mit unzähligen lebenden Zellen, immunstärkend…… die Liste ist endlos. Und danach? Frische, ausgewogene Familienkost. Sagt der gesunde Menschenverstand.

In der Realität ist das Geschäft mit der Babyernährung ein Milliardengeschäft. Die WHO,  verschiedene gigantische Konzerne, halbstaatliche Institute (FKE), die Bundesregierung, diverse Lobby-Vereinigungen: alle mischen mit. Welche kommerziellen Blüten die Ernährung von Kindern treiben kann, zeigen die Hinweise beispielsweise von Foodwatch. Man suche nur nach den Beiträgen zu Hipp, CapriSonne… die Liste ist lang. Dazu kommen endlose Reihen an Empfehlungen, Leitlinien, Hinweisen von verschiedenen Instituten, Experten, Zeitungen, Ratgebern, Büchern, Blogs, Foren, Gruppen. Jeder weiß über das Thema Bescheid. Jeder kann etwas dazu sagen. Schwiegermutter, Großvater, Postbote, Tante, Nachbarin: ob, wann und wie viel ein Kind isst, hat Unterhaltungswert. Je nach Region, Schicht und Einkommensstand der Eltern werden Pommes, glutenfreies Brot oder das „Würstl“ auf- und abgewertet.

Auswüchse: Der dänische Staat besteuerte von 2011 bis 2013 „fette Lebensmittel“ mit erhöhten Sätzen. Warum? Um seine Bevölkerung per Steuer von „korrekter“ Ernährung zu überzeugen. Mittlerweile ist die Fett-Steuer wieder ausser Kraft. Aber 2011 kam auch in Deutschland die Debatte auf, ob wir unsere Kinder nicht per Steuer vor „ungesunder Ernährung“ per Gesetz schützen lassen müssten. Was sollen die Anführungszeichen? Darüber, ob Fett oder Kohlenhydrate die „wahren Feinde“ in der Ernährung sind, streiten die Experten. Und jeder selbsternannte Ernährungsexperte auch. Nur eines zu verteufeln, dürfte nichts bringen.

Thema Gesundheit: Ab Geburt geht es mit den Untersuchungen (Us) los. In einigen Bundesländern sind diese Untersuchungen verpflichtend – in einigen nicht. Je nach Bundesland ist es also keine Entscheidung der Eltern, ob bzw. wann sie ihre Kinder zum Arzt bringen. Diese Regelung hat seine guten/schlechten Aspekte. Es mag in vielen Gegenden in Deutschland hilfreich sein, wenn über die Us der Kontakt zwischen Arzt und Eltern enger gefasst ist. Die Diskussionen dazu sind abendfüllend, inwieweit diese eine Maßnahme geeignet ist, Kinder vor Missbrauch und Verwahrlosung zu schützen.  Das Thema Impfen gehört in die gleiche abendfüllende Unterhaltung: Noch besteht keine Impflicht für Kinder. Ungeimpfte Kinder werden in Betreuungseinrichtungen abgelehnt, geimpfte Kinder leben dafür mit den (möglichen) Nebenwirkungen des Impfens.

Weil Kinder heut möglichst früh „gefördert“ werden (sollen), steht ein Heer an Bewegungs- und Sprachtherapeuten parat, um jegliche kindliche Abweichung von der Norm aufzufangen. Auch hier: es ist gut und richtig, Kindern die Hilfe zukommen zu lassen, die sie brauchen. Aber wenn wir mal überlegen, wie schnell aktuell Sprachtherapie verschrieben wird, wie das Geschäft mit Kindergarten-Englisch und Frühförderung boomt: auch hier steckt ein Milliardengeschäft dahinter. Die meisten Krankenkassen zahlen solche Zusatz“therapien“ nicht mehr – die Eltern treten hier also zusätzlich ein. Damit Deutschland nicht hinter anderen Ländern zurück bleibt, weil die Pisa-Ergebnisse so schlecht sind,  weil das Kind doch den optimalen Start fürs Berufsleben erhalten soll …

Thema Bildung: Es gibt seit kurzem einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung für nicht-schulpflichtige Kinder. Also Kleinkinder, Babys. Für die Erwerbstätigen ist das eine Kontroverse, die wir mal an anderer Stelle untersuchen werden. Im Sinne: Braucht es einen Rechtsanspruch? Wird er nützen/schaden? Immerhin dürfen mittlerweile einige der anfallenden Kosten für die Betreuung der Kinder von der Steuer abgesetzt werden. Frühkindliche Betreuung und Förderung sicherte 2011 beinahe 500.000 sozialversicherungspflichtige Jobs. Sagt die Agentur für Arbeit – und die Tendenz dürfte steigen. Diese Erzieher wiederum sorgen für Steuern, Versicherungsbeiträge, Konsum…. 

Nach Krippe und Kindergarten kommt zwangsläufig die Schule. Und die ist Pflicht, in Deutschland. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern haben wir keine Bildungs-Pflicht, sondern eine Schul-Pflicht. Kinder müssen in die Schule. Und Eltern müssen ihre Kinder in die Schule schicken – und die anfallenden Ausfälle, Ferien usw. auffangen. Den gut 12 Wochen Ferien im Jahr kommt kaum ein Elternteil aus. Staatlich verordnet! Denn Ferienangebote, Sommerschulen…. sind vielerorts Privatsache. Tatsächlich. Schule kostet übrigens noch Geld: Lehrmittel müssen zum Teil durch die Eltern finanziert werden. Schulfahrten fallen an, ganze Tourismuszweige basieren auf wiederkehrenden Bildungs- und Abschlussfahrten. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe in ländlichen Regionen würden ohne den Schulbusverkehr wohl teilweise ausfallen. 

Was dann kommt? Ausbildung, Studium, duales Studium.. oder nichts. Es gibt diverse staatliche Hilfen. Hochschulabgänger dürfen ihre bezogenen Leistungen nach Studienabschluss zurückzahlen, Auszubildende dürfen die bezogen Leistungen meistens behalten. Schließlich haben sie bereits Steuern bezahlt. Wer zum Semesteranfang im Ikea sitzt, dem ist klar: Auch hier blüht ein großes Geschäft. Die meisten Eltern kommen für Möbel und Ausstattung ihrer flügge werdenden Kinder auf. Steuern für den Staat, wachsende Umsätze in der Wirtschaft. Wer in einer Stadt mit schwierigem Wohnungsmarkt lebt: günstige Wohnungen für Auszubildende und Studenten sind oft Mangelware. Neue Blocks mit günstigen Wohneinheiten werden als renditestarke Investitionen verkauft. Die Chancen sind gut: (Viele) Kinder ziehen für die Ausbildung von daheim aus. Dafür brauchen sie eine Wohnung und beziehen Strom, Telefon, Wasser,  kaufen Kleidung, essen, Luxusartikel. Zahlen also Steuern und Versicherungen. Zählen als Messgröße im regionalen Verwaltungssystem als Einheit, wenn es um die Bemessungsgrundlagen für regionale Förderprogramme, Abfallentsorgung, Wasserversorgung und weitere Leistungen der Gemeinde geht (Schwimmbäder, soziale Einrichtungen….).

Ganz aktuell: Konsum für Weihnachten. Wer in die gängigen Folterhöhlen für Eltern.. auch nein, das heißt ja Spielzeugläden .. blickt, dem gehen die Augen über. Den Kindern auch. Wie stark hier die Wirtschaft eingreift und welche Mechanismen da wirken – hier gibt es einen guten Artikel zur ganzen Misere.

Fazit

Ich sehe nur noch wenig Privatheit im Leben meiner Kinder. Sie sind Teil der sie – und mich – umgebenden Gesellschaft. Die meisten der Ausgaben für unsere Kinder zahlen wir als Eltern – und leisten Steuern, Abgaben plus jede Menge Zeit.

Unser herrschendes politisches System sieht vor, dass ich die Rente meiner Eltern bezahle. Meine Kinder bezahlen meine – und die von drei bis vier anderen Erwachsenen meiner Generation. Meine Kinder sind in der Werbung beliebte Größen, sie garantieren Umsätze – permanent. Weil sie immer weiter wachsen, immer neues probieren, anderes essen, malen, basteln, lesen oder gucken wollen. Weil sie erwachsen werden – und damit die Konsumenten von morgen sind. Die Wirtschaft hat schon lange erkannt, dass Kinder wichtige Konsumkriterien sind. Die kinderlose Kollegin erkennt es vielleicht auch bald; wenn es um ihre Rente geht, um ihren Job, den sie irgendwann an jemand jüngeren übergeben soll.

Die einzig echte Privatsache ist (noch), OB ich Kinder will – und WANN. Und wenn sich alle gegen Kinder entscheiden, weil Arbeitgeber keine Extrawurst braten wollen oder sollen müssen, tja – was bleibt uns dann? In meiner alten Heimat Brandenburg verwaisen viele Dörfer – die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben übrig. Allein, ohne Kinder. Das Geld verschwindet mit ihnen – keine Jobs, keine Läden (zu wenig voraussichtlicher Umsatz), keine Ressourcen für die Verwaltungen (zu wenig Einwohner!). Keine Pflegekräfte, um die Älteren zu umsorgen. Keine Ärzte, weil die kaum Stellen in den dünn besiedelten Gebieten annehmen.

Wer zu dem Thema noch richtig in die Tiefe gehen mag:

Hier ist eine wirklich intensive Diskussion auf XING und hier gibt es ein Buch-langes Phamplet einer längst vergangenen Bundesregierung zum Thema Familie und Politik.